Richtig Mähdrescher fahren

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ltl.vamp
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by ltl.vamp » Thu Jan 31, 2019 6:16 pm

Ich bedanke mich zwar viel zu oft in diesem Forum, aber auch hier:
Vielen Dank an die ganzen Infos und vor allem vielen Dank an alle echten Landwirte für das, was Ihr für uns essende (und zu essende) Lebewesen tut!
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FarmerSchnitzel
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by FarmerSchnitzel » Fri Feb 01, 2019 11:56 am

Vielen vielen Dank, ich bin positiv überrascht wie detailliert eure Antworten sind. Nochmals danke an besonders steyr1 und sabalero für den schriftlichen Einblick den ihr mir gewährt habt.

Rohne
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by Rohne » Tue Sep 07, 2021 11:04 pm

Sorry, dass ich nach so langer Zeit diesen Faden wieder ausgrabe, aber ich bin hier noch nicht lange Mitglied und das ist doch ein Thema das ich sehr interessant finde. Übrigens nicht nur beim Dreschen, auch bei der Bodenbearbeitung sieht man die unterschiedlichsten Muster und Reihenfolgen für Vorgewende und Feldreihen. Und dank Courseplay kann man auch viel davon selbst als Singleplayer umsetzen.

Zum Vorgewende: auf großen, unregelmäßig geformten Feldern wie man sie im Osten findet wird das Vorgewende eigentlich immer komplett rundherum gemacht. Breite hängt natürlich davon ab wie groß der Wendekreis ist, 20 Meter ca sollten es beim Dreschen schon sein. Je nach Schneidwerksbreite sind das dann mindestens 2 Bahnen, bei kleinen Modellen aber durchaus auch mal 4-5.
Auf den großen Feldern in der DDR kam am häufigsten der Fortschritt E 512 mit 4-5m Schneidwerk und 2300l Korntank (was in den 60ern aber auch schon eine ziemliche Hausnummer war) in Kolonnen von 5-8 Dreschern zum Einsatz. Im Weizen kommt man da nicht sehr weit bis der Korntank wieder voll ist. Bei der Anzahl an Dreschern hat man also natürlich auch das Vorgewende so oft wie möglich im Uhrzeigersinn abgearbeitet, um auch da schon während der Fahrt abbunkern zu können. Die E516/517 aus den 80ern waren mit ca7m Schneidwerk und ca 5000l Korntank und deutlich höherem Durchsatz deutlich leistungsstärker (war zeitweise sogar der stärkste Drescher der Welt) und kamen eher einzeln oder in kleineren Verbänden von 2, höchstens 3 Dreschern zum Einsatz. Da stellt das Abtanken nicht mehr ganz so das riesige Problem dar, und die hab ich dann auch oft das Vorgewende gegen den Uhrzeigersinn abarbeiten sehen.
Auch heutzutage sehe ich die großen Drescher das Vorgewende oftmals gegen den Uhrzeigersinn abarbeiten. Grund hab ich auch gehört wegen dem Antrieb. Ob das tatsächlich der Hauptgrund ist, weiß ich aber nicht.
Zumindest auf der ersten Runde (und bei Verbänden von 2 oder mehr modernen Großdreschern reicht ja schon eine einzige) ists aber ohnehin egal auf welcher Seite das Rohr steht, da mangels Platz außerhalb des Feldes ohnehin nur im Stand in einer Abladetasche abgetankt werden kann.

Für die eigentlichen Bahnen in der Feldmitte: auch mit Laserpilot orientiert man sich da an den Fahrgassen. GPS wird zwar immer verbreiteter, aber bei Verbänden müssten dann alle Schneidwerke die gleiche Breite haben. Die Bahnen selbst natürlich so lang wie möglich, denn jede Wende kostet Zeit und das Erntefenster ist knapp. Wenn man nur Anhänger am Feldrand stehen hat, zu denen der Drescher selbst hinfahren muss, sieht man es durchaus ab und an noch, dass die Bahnen dann stumpf von links nach rechts abgearbeitet werden, so wie es auch der LS-Standardhelfer macht.
Wenn man dagegen aktive Abfahrer hat (also vA beim Einsatz von Überladewagen, oder auch früher beim Komplex-Dreschen in der DDR) kommt sowas natürlich überhaupt nicht in Frage, da jede zweite Bahn das Rohr über der Frucht wäre. Bei schmalen Feldern arbeitet man stattdessen mitunter sämtliche Feldreihen von außen nach innen ab (wie im CP-Modus spiralförmig, Wende nach rechts damit das Rohr außerhalb der Frucht bleibt). Bei breiten Feldern dagegen teilt man in Beete auf, und jedes Beet wird dann nacheinander von innen nach außen abgearbeitet (so wie im CP-Modus "Lands" mit Wende immer nach links). Damit entsteht in der Mitte des Beetes eine immer breiter werdende Schneise wo der ULW oder sonstiger Abfahrer problemlos das Rohr jedes Dreschers anfahren kann. Irgendwann ist aber die Schneise breiter als das übrige Stück auf einer Seite. Um dann nicht zu viel beim Wenden hin und herfahren zu müssen, wird daher dann oft dazu übergegangen dieses Reststück dann von außen nach innen fertig zu machen (sind meistens eh nich viel mehr als 4-6 Bahnen die man dort noch machen muss). Danach wird das nächste Beet angestochen und man arbeitet sich zunächst wieder von innen nach außen vor, usw.

Auf diese Art hat man das Rohr fast immer außerhalb der Frucht (außer der jeweils erste Drescher beim Anstechen eines neuen Beetes), und da man beetweise vorgeht halten sich auch die Strecken die man zum Wenden benötigt in Grenzen.

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matador
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by matador » Wed Sep 08, 2021 9:43 am

Hallo Rohne,

eine Frage vorweg: wie alt bist Du, bzw. wann bist du geboren?

Das, was Du beschreibst mit den großen Feldern in der DDR und anderswo habe ich nie erlebt. Ich bin Jahrgang 1946 und meine aktive Mähdrescherfahrzeit war von 1960 bis 1969. Bei uns im südlichen Oberbayern sind die Felder eher klein - jetzt seit der Flurbereinigung auch größer - aber damals war z.b. ein Feld mit 5 ha sehr groß, das eigentlich nur bei einem Gut anzutreffen war.

Die kleinen Bauern hatten damals Felder von ca. 1 bis etwa 4 Tagwerk Größe. 3 Tagwerk sind/waren 1 ha. Als ich mit dem Mähdrescherfahren angefangen habe, hatten wir noch Maschinen ohne Korntank. Auf dem Absackstand fuhr eine Person - bei großen Maschinen auch zwei Personen - mit und hat das Getreide in Säcke abgefüllt. Wenn dann 6 oder 8 Säcke voll waren fuhr man zum bereitgestellten Anhänger und lud die um. Bevor das so gemacht wurde hatten die Maschinen am Absackstand eine Rutsche, auf der die Säcke während der Fahrt auf's Feld gelassen wurden, damit die Maschine nicht halten mußte. Entsprach in etwa dem heutigen Abtanken während der Fahrt. Eine weitere Truppe landwirtschaftlicher Arbeiter fuhr dann mit Traktor und Anhänger über das Feld und lud die Säcke wieder auf. Das war aber auch nur auf großen Betrieben anzutreffen.

Dann kamen - etwa 1961/1962 - die neuen Maschinen mit Korntank, und einige alte wurden umgebaut. Am Abtankrohr gab es aber immer noch eine Absackvorrichtung, da nur das Getreide, das sofort verkauft wurde offen transportiert wurde. Das Getreide, das auf dem Hof eingelagert wurde kam immer noch in Säcke.

Abtanken während der Fahrt kam dann mitte der 60er Jahre auf, aber nicht bei uns, sondern in Gegenden, wo die Felder doch etwas größer waren und vor allem das Gelände eben. Ich selbst habe nie während der Fahrt abgetankt.

Gruß, matador
Auf die Dauer hilft nur Power ... *thumbsup*

Rohne
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by Rohne » Wed Sep 08, 2021 10:36 am

Haha, na zu deiner Zeit waren selbst meine Eltern noch Kinder. Ich war Gott sei Dank noch Kind als die DDR das Zeitliche segnete. Hab auch selbst nie in dem Beruf gearbeitet, kann daher nur das widergeben was ich beobachte und was mir die "Profis" dazu sagen (bin also eher der interessierte Laie). Bin aber auf dem Land aufgewachsen, bin vor und nach der Wende vielfach selbst mitgefahren, mein Vater hat zu DDR Zeiten als Schlosser bei einer LPG gearbeitet (und musste natürlich immer mit aufs Feld raus), mein Bruder einige Jahre sogar selbst als Landwirt gearbeitet, und auch sonst kennt man dort natürlich einige Leute mit mehr oder weniger Erfahrungen als Drescherfahrer. Und grade die Art und Weise und die Gründen warum das Feld gerade so abgearbeitet wird und nicht anders, hatten mich schon immer interessiert.
Westdeutschland mit seinen rechteckigen Mini-Feldern ist ja was Landwirtschaft betrifft ohnehin eine ganz andere Welt. In der DDR aber gab es irgendwann ja fast keine Privatbauern mehr, sondern sämtlicher Boden ist von LPGs bewirtschaftet worden, die ihre Felder zu immer größeren Schlägen zusammengelegt haben. Die Gegend wo ich herkomme ist alles andere als flach, aber auch dort haben die allermeisten Felder mindestens 30 Hektar, die meisten eher deutlich mehr. Vereinzelt gibt es mal Felder mit vielleicht 5ha, vor Allem bewirtschaftet von den nach der Wende wieder entstandenen Privatbauern, die entweder nur einen Drescher haben (das Spektrum reicht bei denen vom alten Fortschritt-Drescher über den 90er-Jahre Deutz und Case bis zum Claas Lexion 770 und John Deere S-Serie) oder auf Lohnunternehmen zurückgreifen. Aber die aus den übrigen LPGs entstandenen großen Betriebe haben meistens drei oder mehr Drescher, dazu immer öfter auch Überladewagen, und bewirtschaften teilweise einige tausend Hektar, worunter sich auch Felder befinden deren Fläche einzeln schon mehr als 100 Hektar beträgt.
Heutzutage bin ich nur noch zu Besuch dort, aber gerade in der Erntezeit immer regelmäßig zu den Feldern unterwegs und unterhalte mich mit den Leuten, oder fahre auch gerne mit.

Bei solchen Feldgrößen kommt man mit der Technik die in Westdeutschland eingesetzt wird natürlich nicht weit, sondern da braucht man Schlagkraft, durch leistungsfähige Mähdrescher von denen man mehrere im Verband fahren lässt. Nicht umsonst gehörten die DDR-Drescher der Marke Fortschritt ihrerzeit leistungsmäßig immer mit zum besten was der Weltmarkt hergegeben hat, und ab und zu sieht man sie ja sogar heute noch. Gibt nicht viel was in der DDR funktioniert hat, aber effiziente Landwirtschaft konnten sie.

Auf den kleineren Feldern ist auch in meiner Heimat heutzutage nur ein Drescher unterwegs der im Stand am Feldrand abbunkert, aber früher und ab einer gewissen Größe auch heute noch lässt man sofern möglich immer mehrere fahren und tankt wann immer möglich während der Fahrt ab. Den Betrieb in dem mein Bruder mal gearbeitet hatte, konnte ich diesen Sommer zB mehrfach mit 5-6 Lexions (jeweils mit 10-12m Schneidwerken) und 2 Überladewagen auf jeweils dem selben Feld erleben.

Eische
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by Eische » Thu Sep 09, 2021 3:03 pm

Hier mal einige Punkte, warum sich Lenkhilfen auf MD durchaus lohnen können:
https://www.agrarheute.com/technik/acke ... her-536317
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matador
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by matador » Thu Sep 09, 2021 4:18 pm

Sehr interessant, der Artikel.

Gab es ja damals in den 60er Jahren alles nicht. Was es auch nicht gab, waren abkuppelbare Schneidwerke. Die waren alle fest verbaut und konnten nur mit viel Aufwand und Werkzeug abgebaut werden. Somit war die Schneidwerksbreite auf die damals zulässige Breite bei Straßenfahrt begrenzt.

Der Claas Matador Standard hatte 2.6 mtr. Schnittbreite und war damit auch in der Gesamtbreite innerhalb der damals zulässigen 3,0 mtr. Der Claas Matador Gigant hatte 3,0 mtr. Schnittbreite und war damit in der Gesamtbreite schon über den zulässigen 3,0 mtr. Dies wurde jedoch allgemein toleriert, zumindest wurde ich mit dem Claas Matador Gigant nie aufgehalten.

Aber die relativ geringen Schnittbreiten führten dazu, dass mit den leistungsfähigeren Maschinen schneller gefahren wurde. Wir hatten damals keine Tachometer, aber wenn es beim Matador Gigant gut lief, dann konnte ein Fußgänger im Schritt nicht mehr mithalten, dann mußte er immer wieder einen kurzen Spurt einlegen. Ich schätze einmal, dass damals doch mit bis zu 10 km/h gefahren wurde.
Auf die Dauer hilft nur Power ... *thumbsup*

Merrlin
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Re: Richtig Mähdrescher fahren

Post by Merrlin » Mon Sep 20, 2021 12:05 am

Wen das Thema reale Landwirtschaft heute interessiert dem kann ich den Kanal TwitchFarming auf YouTube oder Twitch empfehlen. Da sieht man sehr detailreich wie man bestimmte Dinge im Ackerbau macht.
Twitch sind Streams aus dem Traktor und YouTube mehr so Blick hinter die Kullissen und Feldarbeit komprimiert.
Die Karte Bredow bildet übrigens den Betrieb ab.

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