Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

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Ethiofarmer
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Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

Post by Ethiofarmer » Tue Jul 03, 2018 9:54 pm

Hallo LS-Fans!

Beim Spielen des LS13 und LS17 kam mir so die Idee, hier einen Sonderbericht zu starten. Es gibt ja viele, die ihre LS-Karrieren hier präsentieren. Warum also nicht eine echte Landwirtschaft starten und hier präsentieren?

Also, die Ausgangssituation ist folgende:
Ich lebe seit 11 Jahren in Äthiopien und beginne gerade eine reale Landwirtschaftsarbeit. Alles beginnt in einem kleinen Städtchen Namens "Sendaffa" ca. 40 km östlich der Hauptstadt Addis Ababa.

Vor ein paar Tagen wurde die Gründung meiner Organisation in der Zeitung angekündigt und in etwa 2 Wochen kann ich loslegen.

Für die steuerfreie Einfuhr von diversen Landmaschinen muss ich diese Tage noch die Anträge fertig machen.

Bis jetzt habe ich praktisch noch nichts. Wir beginnen unser Adventure also im modus "sehr schwer". Die Bank gibt keinen Kredit und mein Konto ist fast leer.
Für 40.000 äthiopische Birr (ETB) habe ich ein Feld von 2400 qm auf 5 Jahre gepachtet. Momentan sind 1 EUR = 31.8 Birr.
Wenn ich in den nächsten 2 Wochen noch rund 30.000 Birr bekomme, dann reicht es noch für 2500 Apfelbäumchen. Doch leider habe ich für die nächsten 2 Monate keine Arbeit und somit keinen Lohn. Somit kommen die Apfelbäumchen wohl etwas später.

Um möglichst schnell etwas Geld zu verdienen, beginne ich mit einer Setzlingsproduktion.
Tomaten, Rote Beete, Salat und ähnliches.
Momentan ist Regenzeit, somit hat es Wasser in großen Mengen.

Achja, die Organisation nennt sich dann "ABENEZER INTEGRATED COMMUNITY DEVELOPMENT"

Bis jetzt laufen die letzten Vorbereitungen und somit findet Ihr im Internet sicherlich noch nichts über AICD.

Soweit mal aus Sendaffa.

Ich hoffe, ich werde Euch hier nicht langweilen und freue mich auf Feedback!

Liebe Grüße vom Horn Afrika's

Euer Ethiofarmer
Thomas
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Ethiofarmer
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Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

Post by Ethiofarmer » Fri Jul 06, 2018 3:00 pm

Hallo LS-Fans,

gerade habe ich den Deal mit den Apfelbäumchen gemacht. Nach heftiger Diskussion bekam ich knapp 30 Prozent Rabatt. Also fahre ich am Sonntag ins 500 km entfernte Chencha und hole dort 2500 Apfelbäumchen. Montag ist die Rückfahrt und Dienstag werden die Bäumchen in einem kleinen Bergdorf 100km von Addis Ababa entfernt gepflanzt.

Da wir in Äthiopien gerade Regenzeit haben und diese sehr ergiebig ist, brauche ich mir mindestens bis Ende September keine Gedanken über die Bewässerung machen. Der Bach, der dort neben meiner geplanten Apfelplantage vorbei fliesst, hat ganzjährig viel Wasser. Aus Deutschland werde ich eine Wasserpumpe kaufen, die mir dann das Wasser in Tanks pumpen wird, damit ich auch in der Trockenzeit einen Notvorrat habe, falls der Bach doch mal zu wenig Wasser haben sollte.

Image

Das ist der Zeitungsartikel. Das Datum Sene 24, 2010 ist das äthiopische Datum. Es entspricht dem 1.Juli 2018

Euer Ethiofarmer
Thomas
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elmike
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Re: Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

Post by elmike » Fri Jul 06, 2018 6:00 pm

Hallo,

vielen Dank für Deine Berichte. Ich bin neugierig wie es weitergeht.
Wie kommst Du eigentlich dazu, dort einen Betrieb aufzubauen?

Elmike

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Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

Post by Ethiofarmer » Fri Jul 06, 2018 6:45 pm

Hallo,
ich arbeite schon seit Jahren in Äthiopien als Missionar. Überwiegend nutzte ich meine Freizeit, um Straßenkinder einen Neuanfang zu ermöglichen. Es scheiterte aber immer. Das Problem besteht darin, dass Obdachlose allgemein keine Struktur im Tagesablauf haben, also "in den Tag hineinleben". Arbeit gibt es in Äthiopien genug. Nur ist die Arbeitsmoral sehr schlecht. Als Bettler bekommt man nämlich oft mehr Geld, als ein Arbeiter verdient.
Während in Deutschland das Thema "Asylpolitik" die Gemüter erhitzt, sitze ich hier auf der anderen Seite des Mittelmeers und beschäftige mich mit den Ursachen.
So kam dann die Idee, ein Projekt zu starten, bei dem solche Obdachlosen und - ich sage das ganz offen - solche Faulenzer, Schritt für Schritt in ein strukturiertes Arbeitsleben eingeführt werden.
So beginnen nun die ersten Obdachlosen in etwa 2-3 Wochen bei mir zu arbeiten. Nur 2 Stunden pro Tag. Damit ist ihre "Freiheit" kaum eingeschränkt und sie bekommen einen Hauch von Ordnung in ihr Leben. Je nach dem, wie gut sie sich entwickeln, wird die Arbeitszeit langsam auf 4 Stunden später Schritt für Schritt auf 8 Stunden erhöht.
Der Lohn steigt entsprechend mit. Als Vollzeitarbeiter werden sie dann so gut bezahlt, dass sie garantiert nicht mehr auf der Straße leben wollen. Und aus Äthiopien flüchten kommt dann überhaupt nicht mehr in Frage.

Eine Landwirtschaftsschule, Schreinerausbildung, Schlosserausbildung kommt dann noch dazu, damit die Leute dann selbstständig Arbeiten können.
Ganz wichtig: Diese Ausbildungsstätte wird dann für solche Leute sein, die keine oder nur geringe Schulbildung haben.
Das Projekt ist dann so ausgelegt, dass wir spätestens ab dem 3. Jahr praktisch ohne Spenden überleben können.

Bis dahin hoffe ich, dass noch der ein oder andere EURO dazu kommt. Aber die wichtigsten Investitionen sind bereits hinter uns. Mit Hilfe einer Setzlingsproduktion sollte schon in den ersten Monaten einiges an Gewinn eingefahren werden. Wir werden sehen.

LG aus dem verregneten Äthiopien
Thomas
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Post by Ethiofarmer » Sun Jul 08, 2018 12:17 pm

Hallo zusammen!

Eigentlich sollte ich jetzt gerade im Bus Richtung Chencha im Süden Äthiopiens sein. Doch zur Zeit hat es dort Demonstrationen (politisch), weswegen es nicht ratsam ist für Weiße, dort hin zu gehen. Ich habe gestern Abend einen Freund dort in der Nähe angerufen, der nun für mich das Aufladen der Apfelbäumchen überwacht. Zum einen muss überprüft werden, dass am Ende tatsächlich 2500 Bäumchen auf dem Transporter sind, zum anderen muss kontrolliert werden, dass die Bäumchen ordnungsgemäß gelagert werden, damit die Wurzeln nicht kaputt gehen oder dass sie beim Transport nicht verletzt werden. Wenn morgen alles ruhig ist, wird sich der Transport morgen auf den Weg nach Addis Ababa machen. Dort werde ich mit einem Freund dann den Transport übernehmen und nach Ilfadaa (100km von Addis Ababa) bringen. Die letzten 23km der Strecke sind nur Schotterpiste. Das ist anstrengend, nicht nur fürs Fahrzeug.

Ob wir im Zeitplan bleiben ist anzuzweifeln. Das ist Afrika live!

Ihr hört dann wieder von mir.

Euer Ethiofarmer
Thomas
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Post by Ethiofarmer » Tue Jul 17, 2018 3:24 pm

Hallo zusammen,
also, ein paar sehr anstrengende Tage liegen nun hinter mir. Ich war in der Region Wallaga im Westen Äthiopiens rund 700km entfernt von der Hauptstadt Addis Ababa. In einem kleinen Dorf hatte ich übernachtet und bin danach etwa 30 km mit einem kleinen Transporter ins "Outback" gefahren. Der Begriff 'Straße' kann wohl kaum benutzt werden. Dann, an einem kleinen Fluss halfen mir Leute beim überqueren und nach 30 Minuten Fußmarsch kam ich dann in einem abgelegenen Dorf an.
Neben meiner Tätigkeit als Prediger, traf ich mich auch mit Bauern, um die Möglichkeiten der Landwirtschaft hier zu erkunden.
60 Bauern kamen zum Teil mehr als eine Stunde Fußmarsch hergelaufen, um von mir Instruktionen zu erhalten. Neugierig kamen auch von der Bezirksverwaltung (Kebele) Repräsentanten. Dieses Dorf hat weder Wasser- noch Stromanschluss, geschweige denn sanitäre oder medizinische Versorgung. Auch Telekommunikation/Internet gibt es nicht.
Da es nur 4 Monate pro Jahr regnet, liegen die Felder außerhalb der Regenzeit brach.

In 3 Wochen werde ich nochmals dorthin fahren, um konkrete Schritte in die Wege zu leiten, um dort einen Ableger von AICD aufzubauen. Nun suche ich eine Krankenschwester, die dort eine zu bauende Erstaufnahme übernehmen kann. Das nächste Krankenhaus ist 7 Stunden zu Fuß entfernt. Autos gibt es dort nicht. Viele Patienten sterben, weil sie keine medizinische Hilfe bekommen.
Daneben gibt es dort auch keine Schule für die rund 700 Kinder (nächste Schule 4 Stunden Fußweg entfernt).
Für die Bauern wollen wir nun ein Wassertanksystem errichten, damit das Regenwasser gesammelt und während der Trockenzeit zur Bewässerung eingesetzt werden kann. Immerhin regnet es rund 1500 Liter pro qm in den 4 Monaten Regenzeit. Die dortigen Kirchen haben mit ihren großen Versammlungshallen bereits rund 600 qm Dachfläche über die doch schon einiges an Regenwasser gesammelt werden kann. Rechnet man dann noch die einzelnen Wohnhütten dazu, kommt man auf stattliche Wassermengen.

Die Vertreter der Bezirksverwaltung machten mir nun folgenden Vorschlag:
Sie stellen mir Land zur Verfügung, um eine Landwirtschaftsschule aufzubauen und Land, um selbst Landwirtschaft zu betreiben. Als Gegenleistung soll ich beim Aufbauen einer Infrastruktur helfen (Krankenhaus, Schule, Strom, Wasser, Telefon).

In drei Wochen also, werden wir dann unsere Gespräche konkretisieren.

Noch ein paar Fotos folgen gleich.

Euer Ethiofarmer
Thomas
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Post by Ethiofarmer » Tue Jul 17, 2018 3:47 pm

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Die 'Straße' in das abgelegene Dorf


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Ankunft im Dorf

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Bauern kehren zurück nach der Besprechung
(Der Rucksack links im Bild ist meiner. Sowas können sich die Leute hier nicht leisten. Noch(!).

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Fruchtbare Gegend

Übrigens sind die Apfelbäumchen gut in Ilfada angekommen und werden morgen gepflanzt. Es gab eine kleine Verzögerung.

Euer Ethiofarmer
Thomas
Last edited by Ethiofarmer on Wed Feb 06, 2019 5:57 pm, edited 1 time in total.
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Post by Ethiofarmer » Wed Jul 18, 2018 9:43 pm

So, ein herzliches "Hallo zusammen",

nur eine kurze, aber umso erfreulichere Meldung:
Heute habe ich nun endlich die Bescheinigung bekommen, dass meine Anträge angenommen wurden. Mit Datum vom 16.Juli 2018 wurde also die Hilfsorganisation "ABENEZER INTEGRATED COMMUNITY DEVELOPMENT" gegründet. Nun steht unserer Arbeit nichts mehr im Wege!

Hier noch die Bescheinigung:

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Euer Ethiofarmer
Thomas
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elmike
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Re: Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

Post by elmike » Thu Jul 19, 2018 5:32 am

Hallo,

Glückwunsch!
verstehe ich das richtig, dass Deine Organisation jetzt 3 Jahre lang als gemeinnützig anerkannt ist? Und in drei Jahren darfst Du dann nochmal einen Antrag einreichen?
... Tragen die Apfelbäumchen so schnell (genug) Früchte?

Elmike

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Post by Ethiofarmer » Thu Jul 19, 2018 8:58 pm

Hallo Elmike,
genau, ich habe jetzt den Status 'gemeinnützig' für 3 Jahre. In 3 Jahren wird dann der Staat das Ergebnis evaluieren. Wenn wir mindestens einen gewissen Prozentsatz unserer Ziele erreicht haben, wird um weitere 3 Jahre verlängert mit neuen bzw. angepassten Zielen.

Tja, die Apfelbäumchen bringen ja erst in 3 Jahren Früchte. Deshalb habe ich Setzlinge gekauft, die bereits 3 Jahre alt sind. Im April 2019 bringen die dann die ersten Früchte. In den Folgejahren steigt die Produktion dann entsprechend an.

Unser Standbein wird aber das Gemüse und die Setzlingsproduktion (Rote Beete, Salate, Tomaten, etc) sein. Die Äpfel spielen erst in 3 bis 4 Jahren eine größere Rolle in der Finanzierung.

LG
Thomas
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Post by Ethiofarmer » Sat Jul 21, 2018 10:12 pm

Hallo zusammen,

kurzes Update:
Der Apfelbäumchenverkäufer hat uns versucht, zu hintergehen und hat uns 2-jährige Apfelbäumchen verkauft. Ich war leider nicht dabei, als die Bäumchen verladen und eingepflanzt wurden. Somit werden wir nächstes Jahr im April wohl eher nicht mit Früchten zu rechnen haben. Morgen fliege ich zum Herkunftsort der Bäumchen und werde verhandeln, dass ich auf die Restzahlung ordentlich Preisnachlass bekomme, dafür, dass ich mit weniger Ernte als geplant rechnen muss.

Das nur ganz kurz. Nebenbei bereite ich die nächste Reise nach Wallaga vor, wo ich mit der Bezirksverwaltung ein treffen haben werde, um den Bau der Grundschule und der Krankenstation zu besprechen. Zeitgleich soll ich mir dann die Gegend dort genau anschauen, um zu entscheiden, welche Landwirtschaftsflächen ich dort gerne haben würde.

Die Reise wird ca. ab dem 5.August sein.

LG Euer Ethiofarmer
Thomas
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Post by Ethiofarmer » Wed Jul 25, 2018 8:42 pm

Ich könnte das jetzige Update mit dem Titel "Undercover" versehen.
Die Geschichte mit den Apfelbäumchen ist nämlich eine sehr suspekte Geschichte. Als mir Freunde Fotos von den Apfelbäumchen zeigten, stellte ich fest, dass diese Bäumchen nicht einmal 2-jährig sind. Am Sonntag flog ich also "undercover" nach Arba Minch und von dort mit dem Bus nach Chencha. Ich suchte die dortigen Apfelbauern auf und stellte fest, dass keiner diesen Apfelhändler kennt. Eigenartig. Dazu kommt, dass keiner mitbekommen hat, dass von Chencha gerade 2500 Apfelbäumchen verschickt wurden.
Es reihten sich noch so manche Dinge dazu. Zum Beispiel, dass die Organisation, über die der Verkäufer mir die Apfelbäumchen verkauft hat, hier völlig unbekannt ist.
Als ich einem der Apfelbauern die Telefonnummer des Verkäufers gab, erschien bei ihm auf dem Handy ein Namen. Also der Verkäufer verkauft nicht-lizenzierte Apfelbäumchen unter falschem Namen.
Über das Landwirtschaftsbüro dort in Chencha bekamen wir so manche Info über diesen Verkäufer.
Heute telefonierten wir mit dem Verkäufer und forderten ihn auf, diese nicht-lizenzierten Bäumchen wieder zurückzunehmen und uns das angezahlte Geld zurückzugeben (immerhin umgerechnet 1300 EURO). Da er sich weigert und mittlerweile das Telefon nicht mehr abnimmt, haben wir den Fall nun einem Anwalt übergeben, der diesen Kriminellen nun festsetzen wird.
Da die Behörden über unsere Pläne mit AICD Bescheid wissen und uns wohl gesinnt sind, dürfte das ein einfacher Fall werden.

Heute muss ich noch den Aktionsplan fertig machen. Eine Auflistung der Arbeitsschritte, mit denen wir die Arbeit nun beginnen. Zäune bauen, Brunnen graben, Leute einstellen, Samen kaufen, usw. und die erwarteten Kosten.

Übrigens, die lizenzierten Apfelbauern hier, haben strenge Kontrollen durch zu stehen. Alle 3 Monate kommen Leute vom Landwirtschaftsbüro und kontrollieren jedes einzelne Bäumchen. Einer hat zum Beispiel 18389 Apfelbäumchen. Der Staat hat davon 7613 Bäumchen ausgesucht, die verkauft werden dürfen. Auf dem Formular steht dann zum Beispiel:
511 Grany Smith
289 Jona Gold
673 Bräburn
738 Golden Delicious
...

Alle anderen Setzlinge müssen weggeworfen werden. Es dürfen also nur Bäumchen verkauft werden, die die Gesundheitskontrollen bestanden haben. So kann der Staat eine Garantie geben, dass die Bäumchen auch wachsen, nachdem sie verkauft wurden.

Ich habe jetzt auch vor Ort gelernt, wie sich das mit männlichen und weiblichen Apfelbäumchen verhält. Die männlichen Apfelbäume tragen keine Früchte, sondern dienen nur als Untergrund für die weiblichen, fruchttragenden Bäume, mit denen die männlichen veredelt werden. Jetzt finde ich das so interessant, dass ich mich mit einer Apfelproduktion nicht zufireden gebe. Nein, wir müssen eine Setzlingsproduktion starten.

Auf dem kleinen Feld in Sandaffa (2400qm) werden wir jetzt mit Tomaten und Bohnen beginnen. Statt der angedachten Gemüsesetzlinge werden wir gleich das Gemüse produzieren. Das Problem ist, dass wir schon in der 2.Hälfte der Regenzeit sind und Bauern nur in der Regenzeit Landwirtschaft betreiben. Somit werden wir keine Gemüsesetzlinge verkaufen können. Dank dem Brunnen, den wir nun graben werden, können wir aber Tomaten, Bohnen und anderes Gemüse anbauen und die Früchte verkaufen.

Jetzt kommen gleich noch Bilder aus Chencha von der dortigen Apfelsetzlingsproduktion.

Liebe Grüße aus Äthiopien
Euer Ethiofarmer
Thomas
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Re: Landwirtschaft 2018 "Äthiopien"

Post by omegaMV6 » Thu Jul 26, 2018 1:38 am

Hallo Thomas.

Ich habe Deine Berichte bis heute mit großem Interesse gelesen.
Erst mal "Hut ab" für so viel Einsatz und dem Willen, der Bevölkerung in "Deinem" Gebiet eine Perspektive aufzuzeigen :hi:

Jetzt plagt mich aber trotzdem eine Frage. Du berichtest, dass die lizenzierten Apfelbauern vierteljährlich Besuch vom Landwirtschaftsbüro bekommen und dann im schlimmsten Fall tausende von Setzlingen weggeworfen werden müssen. Sind diese Kontrolleure wirklich so unfehlbar oder besteht da nicht das Risiko, dass hunderte von Bäumchen grundlos vernichtet werden?

Mein Gedanke bei der ganzen Sache ist, dass die Kontrolleure bei vielen Setzlingen vermutlich gar nicht ganz sicher sind, ob diese jemals Früchte tragen oder nicht. Was spräche dagegen, diese Bäumchen kostenlos an interessierte aber mittellose Kleinbauern, ohne Garantie und selbstverständlich nur, wenn die Setzlinge nicht von Schädlingen befallen sind, abzugeben! Mit etwas Glück hätten diese Bauern dann vier oder fünf Apfelbäume für den Eigenbedarf und evtl. sogar noch Äpfel für den Nachbarbauern, der vielleicht im Gegenzug, tja ich weiß nicht, vielleicht Eier oder Milch oder Mehl geben kann.

Natürlich ist man dann erst mal wieder beim Tauschhandel, vielleicht bin ich da auch einfach zu blauäugig und es haben dann doch wieder wirtschaftliche Interessen den Vorrang :sadnew:. Allerdings würde ich mich dann fragen, was wichtiger ist. Geld oder ein Familienvater, der seinen Kindern ab und zu mal einen Apfel zwischen/zu den Mahlzeiten geben kann.

Ich wünsche Dir auf jeden Fall weiter viel Erfolg bei allem, was Du für die Zukunft geplant hast und freue mich schon auf den nächsten Bericht :wink3:

Liebe Grüße nach Äthiopien
omegaMV6
Ich sitz nicht den ganzen Tag am PC, Antworten können also auch mal 24 Stunden dauern!

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Post by Ethiofarmer » Thu Jul 26, 2018 7:02 am

Danke omegaMV6 für die Fragen.

Also, mit den Kontrolleuren hast Du recht. Die sind nicht unfehlbar. Da werden sicher viele gute Bäumchen auch vernichtet. Der Gedanke dabei ist aber folgender:
Wenn Laien Apfelbäumchen pflanzen, dann fangen sie leider auch selber an, Setzlinge zu produzieren. Jeder wittert da plötzlich eine Geschäftsidee. Dadurch sind bereits viele wilde Formen gewachsen und auch Formen, die leider zur Verbreitung verschiedener Krankheiten beitragen. In manchen Regionen gibt es plötzlich den Besenwuchs, eine Krankheit, bei der das Bäumchen wie ein Besen nach oben gerichtet wuchert, aber keinen schönen Baum gibt. Das Virus ist auch noch sehr gefährlich. In Deutschland werden betroffene Plantagen gerodet und das Holz verbrannt, um eine Ausweitung zu verhindern.
Hier in Äthiopien würden die betroffenen Bauern ihre kranken Bäume als "eigene Zucht" verkaufen und damit diese Krankheit überall hin verkaufen.
Deshalb die strengen Kontrollen. Für nicht-lizenzierte Bäumchen gibt das Landwirtschaftsbüro keine Garantie. Viele Fälle sind vor Gericht, in denen der nicht-lizenzierte Verkäufer als Sieger herausgehen wird, weil seine Bäumchen offiziell gar nicht existieren und der Käufer, also der Geschädgte, keinen Beweis hat, wer der Züchter war und woher die Bäumchen kommen.

Das Landwirtschaftsbüro dagegen handelt nach dem Motto: Lieber ein paar Bäumchen zuviel vernichten und dafür Garantie geben können mit allen Nachweisen. Wer zum Beispiel bei Ato Mattewos Bekele seine Apfelbäumchen kauft, der bekommt vom Landwirtschaftsbüro eine Garantie, dass die Bäumchen, die trotz allem nicht wachsen sollten, kostenlos ersetzt werden.

Lizenzfreie Bäumchen haben eine Wachstumsrate von gerade mal 40 %. Das heißt, wenn ich 100 Bäumchen pflanze, sterben mir 60 Bäumchen und ich habe das Risiko, neue Krankheiten in meinen Garten oder auf meinen Acker zu bringen.
Wenn ich von jenem Ato Mattewos Bekele Apfelbäumchen kaufe, weiß ich, dass von 2500 Apfelbäumchen etwa 30 kaputt gehen, die mir aber ersetzt werden. Und diese 30 gehen nicht kaputt, weil das Bäumchen schlecht war oder krank, sondern weil beim Transport Schäden entstanden.
Statt diese nicht-lizenzierten Bäumchen zu kaufen, ist es finanziell gar keine Schwierigkeit, dass mittellose Bauern lizenzierte Bäumchen kaufen. Ein nicht-lizenziertes Bäumchen (ein-jährig) kostet auf dem "Schwarzmarkt" 10 Birr, ein Lizenziertes dagegen 45 Birr (bereits 3-jährig). Das nicht-lizenzierte braucht also 3 Jahre, bevor es Frucht bringt. Also 3 Jahre braucht es Platz und birgt Ungewissheit. Das lizenzierte Bäumchen bringt bereits im Folgejahr Frucht und man hat eine fast 100%ge Garantie, dass es gut geht.

Übrigens ist Tauschhandel gar nicht so absurd. Als ich in Wallaga war, hatte ich das erlebt. Die Bauern dort, fernab der Zivilisation leben genau so. Geld bekommen sie nur, wenn sie Gemüse oder Früchte in die Stadt verkaufen. Untereinander kennen sie keine Rechnungen. Der eine bringt Mais zum Essen, der andere Weizen, der andere hat Milch, der andere "bezahlt" durch praktische Arbeiten (Reparaturen im Haus, usw.).
Deswegen bin ich auch immer vorsichtig mit den Angaben zum Durchschnittseinkommen. Dort liegt das Einkommen bei etwa 20 Dollar pro Monat. Im Rest von Äthiopien liegt es bei rund 80 Dollar pro Monat. Das liegt schlicht darin, dass die Leute dort ihre Lebensmittel teilen und nicht verkaufen. Mit 20 Dollar im Monat leben sie besser, als so manche Leute anderer Regionen mit ihren 80 Dollar pro Monat.

Liebe Grüße aus Äthiopien
Thomas
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Post by Ethiofarmer » Thu Jul 26, 2018 7:10 am

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Stecklingsproduktion in Chencha


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Deutlich sieht man, wo das Weibchen auf das Männchen aufgepfropft wurde.


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Männchen, die keine Frucht bringen, sondern nur als "Unterlage" dienen.


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...viele Setzlinge...
Last edited by Ethiofarmer on Wed Feb 06, 2019 5:59 pm, edited 1 time in total.
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